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Warum alle Codex-Oberflächen gleich aussehen: Der System-Prompt schreibt das Design vor – bis zum Kartenradius

Der System-Prompt von OpenAIs Codex enthielt für GPT-5.5 eine umfangreiche „Frontend guidance“-Sektion, die Gestaltung bis ins Detail vorschreibt: Karten mit höchstens 8 Pixel Eckenradius, Lucide-Icons statt eigener SVGs, betriebliche Werkzeuge sollen sich „quiet, utilitarian, and work-focused“ anfühlen, keine Landingpages, und bestimmte Farbpaletten sind zu meiden. Nutzer beschwerten sich bereits im April 2026 im offiziellen Repository, dass diese rund 1.500 Token bei jeder Anfrage mitlaufen – auch bei reiner Backend-Arbeit. OpenAIs Antwort dort: Man werde den System-Prompt für GPT-5.5 nicht mehr ändern, weil das Modell damit trainiert wurde. Im geleakten Prompt für GPT-5.6 fehlt die Sektion.

Der Wortlaut ist unstrittig, denn OpenAI veröffentlicht ihn selbst: Die Seite „Frontend prompt instructions“ in der offiziellen Entwickler-Dokumentation enthält die Vorgaben zum Kopieren, darunter „Cards are kept at 8px border radius or less unless the existing design system requires otherwise“, „You use lucide icons inside buttons whenever one exists instead of manually-drawn SVG icons“, die Anweisung, dass „SaaS, CRM, and other operational tools should feel quiet, utilitarian, and work-focused rather than illustrative or editorial“, sowie „You should not make a landing page unless absolutely required“. Auch eine Liste zu meidender Farbwelten steht dort: „limit dominant purple/purple-blue gradients, beige/cream/sand/tan, dark blue/slate, and brown/orange/espresso palettes“. In dieser Doku ist das ein Angebot an Entwickler – optionales Material zum Selbst-Einsetzen.

Der Streitpunkt ist, dass derselbe Text nach Nutzerberichten nicht optional war, sondern im System-Prompt von Codex mitlief. Am 26. April 2026 eröffnete der Nutzer whoschek im offiziellen Repository openai/codex das Issue #19720 mit dem Titel „Make gpt-5.5 not get distracted by excessive ‚Frontend guidance‘ in system prompt“. Darin beziffert er die Sektion auf rund 1.500 Token und argumentiert, sie laufe auch dann mit, wenn es ausschließlich um Backend-Arbeit gehe: Das sei „systematic context pollution and makes the model less effective“. Drei Tage zuvor hatte bereits alex-jitbit unter #19212 („Your system prompt is too big“) beklagt, eine Frage wie „What is 2+2“ verbrauche rund 13.000 Token.

Die Antwort von OpenAI ist der eigentliche Kern. Noch am selben Tag schrieb etraut-openai unter dem Issue: „Thanks for the feedback. We’re unlikely to change the current system prompt for gpt-5.5 because it was used during training, but I’ll pass your feedback along to the team responsible for training so they can take it into consideration for future models.“ Das Issue wurde binnen einer Stunde als erledigt geschlossen. Der Sektion wird darin nicht widersprochen – die Existenz der Frontend-Vorgaben im System-Prompt ist damit implizit bestätigt.

Für künftige Modelle scheint die Ankündigung eingelöst: In der Sammlung asgeirtj/system_prompts_leaks, die extrahierte System-Prompts dokumentiert, enthält die Datei zu Codex/GPT-5.5 die Frontend-Sektion im oben zitierten Wortlaut; die Datei zu GPT-5.6 enthält sie nicht mehr und ist rund 3,5 Kilobyte kleiner. Diese Gegenüberstellung stammt aus einer Community-Sammlung und ist entsprechend als Tier C zu lesen, nicht als Bestätigung durch OpenAI.

Im geleakten 5.5-Prompt stehen daneben Anweisungen, die weitere Eigenheiten erklären: „You provide user updates frequently, every 30s.“ deckt sich mit der von Nutzern berichteten Neigung, 30-Sekunden-Takte zu setzen. Eine Autonomie-Klausel hält das Modell an, bei Blockaden nicht zurückzufragen, sondern weiterzuarbeiten – was zur ebenfalls berichteten Neigung passt, schon in der Planungsphase mit dem Bauen zu beginnen.

Aufmerksamkeit bekam der Punkt durch ein Video von Theo (t3.gg) vom 16. Juli 2026, der den Prompt vorliest und die Design-Sektion für die Gleichförmigkeit der Codex-Oberflächen verantwortlich macht. Seine Zitate decken sich wörtlich mit den hier geprüften Quellen. Seine Darstellung, er habe die Änderung als Erster angestoßen („I’m the first person to figure out why“), trägt allerdings nicht: Die Beschwerden im offiziellen Repository liegen rund drei Monate früher, und das von ihm vorgelesene OpenAI-Zitat ist die öffentliche Antwort an whoschek vom 26. April, nicht eine Nachricht an ihn.