Die Untersuchung stammt von Matt Lenhard und erschien am 28. Juni 2026 im Blog des Anbieters Vectoral. Sein Zugang war zunächst der eines Betroffenen: „I’ve spent a lot of time thinking about token fraud, a problem I first stumbled upon while working as a software engineer on an AI gateway. We faced constant abuse.“ Von dort aus arbeitete er sich in chinesischsprachige Foren vor, in denen die Betreiber offen über ihr Geschäft sprechen – wichtigste Fundstelle ist ein V2EX-Thread mit einer Glossar-Sammlung der Branchensprache, der zwischen dem 5. März und dem 23. Juni 2026 auf rund 35.000 Aufrufe und 190 Antworten kam.
Der Markt ist nach Lenhards Darstellung vierstufig. Oben stehen 卡商 und 号商, Karten- und Account-Händler, die virtuelle Kreditkarten für US- und EU-Zahlungsprüfungen sowie massenhaft registrierte Konten liefern. Darunter aggregieren 账号池 („Account-Pools“) dutzende bis hunderte solcher Zugänge, verwalten deren Tokens und Ratenlimits und fangen Ausfälle ab. Die dritte Stufe sind die 中转站, die den Pool in ein sauberes, abgerechnetes Produkt verpacken. Am Ende stehen Entwickler, Start-ups und SaaS-Anbieter auf der Suche nach billiger Inferenz – „plus commercial buyers running model distillation“.
Die Preise sind das eigentliche Argument dieser Kette. Eine Preisvergleichsseite eines Betreibers listete laut Lenhard ein Paket, das „the equivalent of $3,333 worth of official Anthropic credit for 425 RMB“ bot; der billigste der verfolgten Relays wirbt mit „97.8% off official pricing“. Seine Rangliste der zehn größten Rabatte reicht von Now Coding (97,8 Prozent) über I Code Easy (97,1) und Claude ZZ (96,6) bis BUZZ (94,1). Zur Kundenbindung gehören Verlosungen: Eine Station verteilt täglich 50 Schlüssel mit je 100 US-Dollar Guthaben, „on the day I looked, 258 people had entered 401 tickets for the fifty keys“. Betroffen sind Direktzugänge zu OpenAI, Anthropic und Google ebenso wie abgegriffene Konten aus Anwendungen wie Kiro und Antigravity.
Technisch läuft das auf zwei bekannten Open-Source-Projekten: one-api und dessen aktiver gepflegter Fork new-api, beide OpenAI-kompatible Gateways, über die sich Anfragen auf einen Pool von Zugangsdaten verteilen lassen. Lenhard betont ausdrücklich, dass daran nichts illegal ist – „Both are legitimate tools. Plenty of companies self-host them… A relay crosses the line when its channels are stocked with stolen, leaked, or pooled keys.“ Über die von ihm verfolgten Stationen hinweg taucht one-api „roughly four times as often as new-api“ auf. Fünf Missbrauchswege benennt er: automatisierte Massenkonten für Gratisguthaben, Rückbuchungen nach verbrauchtem Kontingent oder gleich gestohlene Karten, gedeckelte Prepaid-Karten, das Durchschleusen von Verkehr über schlecht abgesicherte Support-Chatbots („open inference“) und „denial of wallet“ – Lastspitzen, deren einziger Zweck es ist, das Budget des Anbieters zu verbrennen.
Was die Untersuchung nicht leistet: Die Erhebung ist die des Autors allein, die Reichweitenzahlen der Stationen nennt er ohne Angabe des verwendeten Messwerkzeugs, und die auffälligsten Aussagen zur Distillation-Ökonomie – „many big players earn hundreds of thousands a day“, „many distillers in the industry have made millions“, Verkehrsangaben von 20 bis 100 Terabyte am ersten Tag – sind anonyme Forenbeiträge, also Tier-C-Material ohne jede Gegenprobe. Auch der Absender ist nicht neutral: Der Text steht im Blog eines Anbieters, dessen Gegenstand genau die Verteidigung gegen solchen Missbrauch ist, und weist kein Eigeninteresse aus. Wir führen die Zahlen deshalb als Befund einer einzelnen, methodisch nur teilweise offengelegten Recherche, nicht als gemessene Marktgröße.