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Anthropic: 950 Claude-Agenten fanden ein unbekanntes Enzymsystem

Anthropic hat am 23. September 2026 sein neues Labor für Biowissenschaften vorgestellt und dazu ein erstes Ergebnis veröffentlicht: Rund 950 Claude-Agenten durchsuchten in 21 Stunden mit 210 Millionen Token eine DNA-Datenbank und stießen auf ein bisher unbeschriebenes Enzymsystem, das Anthropic „array-associated reverse transcriptases“ (ART) nennt.

Reverse Transkriptasen schreiben RNA zurück in DNA. Die hier gefundene war aus früheren Arbeiten bekannt; neu ist nach Anthropics Darstellung, was daneben liegt: eine lange Reihe gleichmäßig verteilter, nicht codierender DNA-Wiederholungen und ein zusätzliches Protein unbekannter Funktion. Diese Kombination erinnert an die Arrays, die CRISPR-Cas-Systeme programmierbar machen; nur eine Handvoll bekannter Systeme teilt sie.

Die Vorgabe der Forscher beschränkte sich nach eigener Darstellung auf den ersten Prompt und die Laborarbeit. Der Blogbeitrag nennt über 200.000 gesammelte reverse Transkriptasen, daraus 3.500 Kandidaten-Systeme und 20 Endkandidaten. Der Preprint rechnet strenger: Von 17 näher geprüften Partner-Familien bestätigten sich nur drei als bislang unbeschriebene Verbindung, die übrigen 14 fielen als Annotationsfehler, Teile bekannter Systeme oder bloße Nachbarschaft heraus.

Aufgefallen ist das Muster beim Lesen der rohen Sequenz: Der Agent erkannte neben der Transkriptase eine Reihe gleichartiger Wiederholungen und stellte selbst die Frage, ob das ein CRISPR-ähnliches Array sei.

Im Labor belegt ist bislang die Ablesung, nicht die Funktion. Anthropic ließ das System auf Plasmiden in E. coli ausdrücken und sequenzierte die kurzen RNAs; in einer nachgerechneten Infektionsreihe machten die Array-RNAs 15 Minuten nach dem Befall bis zu acht Prozent der Phagen-RNA aus. Der Preprint schreibt zugleich, man habe nicht gezeigt, dass die Transkriptase aktiv ist oder dass diese RNAs ihr Substrat sind; die Befunde warteten auf experimentelle Charakterisierung.

Feng Zhang, Professor am MIT und am Broad Institute und einer der Wegbereiter der CRISPR-Genomeditierung, hat den Preprint gelesen. Er nennt den Fund ein aufschlussreiches Beispiel dafür, wie KI-Agenten zu biologischen Entdeckungen beitragen können, und die gefundenen RNA-Wiederholungs-Arrays wirklich interessant und weiterer Untersuchung wert. Eine Bestätigung der Funktion ist das ausdrücklich nicht.

Widerspruch kam am selben Tag von Lucas Harrington, promoviert im Labor der Nobelpreisträgerin Jennifer Doudna und Mitgründer von Mammoth Biosciences, das selbst per Genome Mining nach CRISPR-Systemen sucht. Er hält das Vorgehen für Routine: Reverse Transkriptasen neben CRISPR-Arrays würden seit 2008 gefunden, für das Durchmustern der Genom-Nachbarschaft gebe es ausgereifte Werkzeuge, und einzelne Studien beschrieben damit dutzendweise neue Systeme samt experimenteller Bestätigung. Den schweren Teil habe Anthropic nicht geliefert.

Kevin Blake, promovierter Mikrobiologe und Scientific Editor an der Washington University School of Medicine, wendet sich gegen die Deutung als „nächstes CRISPR“: Unkatalogisierte CRISPR-ähnliche Sequenzen seien in Millionen unerforschter Bakterienarten zu erwarten, und nichts deute darauf hin, dass aus diesem Fund eine Therapie oder ein Werkzeug werde. Stanley Qi, Bioingenieur in Stanford, nennt den Fund dagegen bemerkenswert, weil das Modell ein schwer erkennbares Muster aufgegriffen und systematisch weiterverfolgt habe.

Firmenchef Dario Amodei nannte die Arbeit am selben Tag größtenteils, aber nicht vollständig von Claude erledigt und verwies auf ein Stanford-Team, das unabhängig ein RT-System mit zugehörigem nicht codierendem Array beschrieben habe – ein eigenständiger, getrennt entstandener Fund.

Das Labor im Raum San Francisco arbeitet nur auf den Biosicherheitsstufen 1 und 2 und handhabt keine Erreger, die Menschen infizieren können; die gesamte Laborarbeit erledigen menschliche Wissenschaftler.

Aktualisiert am 24. September 2026.