Alexander Pröll, Staatssekretär für Digitalisierung im österreichischen Bundeskanzleramt, richtete den Brief an Henna Virkkunen, die für technologische Souveränität zuständige EU-Kommissarin. Die EU-Mitgliedstaaten sollten demnach „die strategische Ansiedlung und Beteiligung von Anthropic innerhalb der Europäischen Union“ erörtern. Pröll begründet die Wahl gerade dieser Firma damit, dass Anthropic ethischen KI-Einsatz „nicht als Marketing, sondern als Grundüberzeugung“ verstehe und Sicherheit vor Tempo stelle – eine Haltung, die er als zutiefst europäisch beschreibt.
Auslöser ist die jüngste Eskalation um Anthropics Spitzenmodelle: Anfang Juni 2026 veröffentlichte die Firma Fable 5 und Mythos 5, musste den Zugang aber wenige Tage später wegen einer Exportkontroll-Anordnung des US-Handelsministeriums weltweit für ausländische Nutzer sperren (siehe verwandte Depeschen). Daraus leitet Pröll ab, Europa solle die Gelegenheit nutzen, sich von US-Abhängigkeiten zu lösen, indem es einen passenden Anbieter aktiv anwirbt.
Einordnung: Der Brief nennt keine konkreten Mechanismen – wie eine Ansiedlung rechtlich, kapitalseitig oder organisatorisch aussehen könnte, bleibt offen, und Pröll räumt selbst Skepsis an der Machbarkeit ein. Der Bericht stammt von Bloomberg; deutschsprachig griffen ihn u. a. heise und der ORF auf. Eine offizielle Reaktion der EU-Kommission oder von Anthropic lag zum Zeitpunkt der Berichte nicht vor.