Der Ablauf: Die UNAM nahm die Zulassungsprüfung zum Bachelor-Studium 2026/27 erstmals ausschließlich online ab. Am ersten Wochenende, dem 23. und 24. Mai 2026, traten laut UNAM-Mitteilung 55.840 Bewerber an – 88 Prozent der Angemeldeten; insgesamt legten rund 158.700 Personen die Prüfung ab (El Financiero nennt 158.723, El Universal 158.727). Zur Absicherung nannte die Universität damals „spezialisierte Systeme zur Identitätsprüfung“, die Überwachung der Prüfungsumgebung und die Erzeugung von Warnmeldungen. Wichtig für die spätere Bewertung ist eine Klarstellung aus derselben Mitteilung: „la inteligencia artificial no toma decisiones automáticas de cancelación o invalidación del examen. La tecnología únicamente genera alertas que son revisadas por personal universitario“ – die KI entscheidet also nicht selbst, sie meldet, geprüft wird durch Personal. Am ersten Wochenende wurden auf diesem Weg 498 Bewerber gesperrt, weniger als ein Prozent.
Die Auffälligkeit in Zahlen: Über den gesamten Durchgang wurden rund zwei Prozent der Prüfungen annulliert – genannt werden Handynutzung, fremde Hilfe und Identitätstäuschung. Das eigentliche Signal lieferte aber die Verteilung der Ergebnisse. Bei 120 Fragen erreichten in den Vorjahren 3,5 Prozent der Teilnehmer 100 oder mehr richtige Antworten, 2026 waren es 16,3 Prozent; die Marke von 110 richtigen Antworten schafften früher 0,9 Prozent, nun 5,5 Prozent. Eine unabhängige Auswertung des Biologen Luis Ángel Maciel (UAM) kommt für das besonders begehrte Medizin-Fach auf einen Sprung von 9 Prozent (2025) auf 29 Prozent (2026) oberhalb von 100 Treffern und beschreibt eine zweigipflige Verteilung: Der Häufigkeitsgipfel lag früher bei rund 50 Treffern, 2026 kam ein zweiter Berg jenseits der 100 dazu. Auffällig ist bei ihm auch das andere Ende – ein Anstieg von Ergebnissen zwischen 0 und 10 Treffern, wie er entsteht, wenn Teilnehmer nicht bestehen, sondern Fragen abschöpfen wollen.
Die Entscheidung: Am 27. Juli 2026 setzte Rektor Leonardo Lomelí Vanegas eine Technische Kommission unter Vorsitz des früheren Generalsekretärs Eduardo Bárzana García mit 15 Mitgliedern ein; sie sollte Verfahren und Ergebnisse prüfen. Am 31. Juli legte sie vier Empfehlungen vor: ein Kontroll-Examen zur Überprüfung der Ergebnisse, die Ladung sowohl der bereits Ausgewählten als auch derjenigen, die mindestens die niedrigste zwischen 2021 und 2026 zur Aufnahme ausreichende Trefferzahl erreicht haben, die Abnahme in Präsenz in mehreren Fassungen und Schichten – und die Vergabe der Studienplätze allein nach diesem neuen Ergebnis: „La asignación final de los lugares de ingreso a licenciatura dependerá exclusivamente de los resultados de esta nueva prueba presencial de control.“ Betroffen sind rund 58.000 Bewerber, die Prüfung umfasst wieder 120 Fragen. Die Kommission stellt ausdrücklich klar: „El llamado al examen no constituye una imputación de conducta irregular.“ Am 3. August 2026 teilte die Universität mit, dass die Erstsemester am 31. August beginnen, die bereits eingeschriebenen Studierenden am 17. August, dass neben Mexiko-Stadt weitere Standorte eingerichtet werden und dass Termine, Orte und Verfahren am 4. August veröffentlicht werden sollen. Ein kursierendes Datum – der 12. August – geht auf eine E-Mail der Schulverwaltung an einzelne Bewerber zurück und betrifft laut Nachprüfung von Eje Central eine andere Prüfung; offiziell bestätigt war es zum Zeitpunkt dieser Depesche nicht.
Der Anbieter und die Vergabe: Die Online-Prüfung lief über die Plattform von Territorium Life S.A.P.I. de C.V. aus Nuevo León. Die UNAM vergab den Auftrag über bis zu 101.757.810 Pesos für die digitalen Prüfungen des Jahres 2026 im Wege der Direktvergabe; der Beschaffungsausschuss genehmigte die Ausnahme in seiner Sitzung am 6. März 2026, obwohl der Betrag die Ausschreibungsschwelle von 4,77 Millionen Pesos um mehr als das Einundzwanzigfache übersteigt. Als Begründung führte die Schulverwaltung ausgerechnet die Fähigkeit der Plattform an, mit „künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen anomale Muster zu erkennen“, Betrug zu verhindern, die menschliche Aufsicht zu verstärken und Transparenz zu sichern. Das Unternehmen, das zwischen 2018 und 2026 nach Recherchen von Expansión 22 Verträge mit sechs weiteren Universitäten geschlossen hat, erklärt seinerseits, seine Software habe fehlerfrei gearbeitet, und bietet Mitarbeit bei der Aufklärung an.
Die Regelungslücke: Die Ausschreibung der UNAM verbietet während der Prüfung Kopfhörer, Mobiltelefone, Smartwatches, Taschenrechner und „jegliche nicht autorisierte elektronische Geräte“ und nennt Identitätstäuschung, Kommunikation mit Dritten und das Teilen von Aufgaben in sozialen Netzwerken als Annullierungsgründe – der Einsatz von KI taucht dort nicht ausdrücklich auf. Der Bildungsforscher Horacio Martínez nennt das gegenüber El Universal „jurídicamente frágil: se está sancionando por analogía, no por norma expresa“; die Akademikerin Arcelia Martínez Bordón fordert, den gesamten Prozess zu regulieren und womöglich zur Prüfung an festen Standorten zurückzukehren. Bewerber wiederum berichteten, die KI-Überwachung sei „insuficiente y laxa“ gewesen – zugleich hatten sich im Mai Betroffene beschwert, ihre Prüfung sei ohne erkennbaren Grund annulliert worden.
Belegtransparenz: Uns lag der vollständige Bericht der Technischen Kommission nicht vor. Zeitachse, Zusammensetzung der Kommission, ihre vier Empfehlungen und die Termine stammen aus den Mitteilungen der UNAM selbst (DGCS-Boletines 311, 433, 442 und 449), die wir geöffnet haben; die Prozentwerte, die Zahl von rund 58.000 Geladenen und die Vergabedetails aus der mexikanischen Presse, die den Bericht zitiert. Die Angaben zur Gesamtteilnehmerzahl gehen leicht auseinander (158.723 bzw. 158.727, in der internationalen Berichterstattung „rund 160.000“), ebenso die Zahl der Nachschreibenden: Die von Infobae übernommene Darstellung der New York Times spricht von „mehr als 40.000“, die mexikanischen Quellen übereinstimmend von rund 58.000. Der Beitrag von Ars Technica vom 3. August 2026, über den dieser Fund in unseren Sweep kam, war für unseren Abruf gesperrt; sein Wortlaut ließ sich über den Slashdot-Spiegel lesen, seine Zahlen decken sich mit den mexikanischen Quellen.