Alle Depeschen

DepescheRecht & Politikneu

Die Bundesregierung sieht keinen systematischen Stellenabbau durch KI – und liest die Stanford-Arbeit anders als wir

In der Antwort auf eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion (Bundestagsdrucksache 21/7620, übermittelt vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales am 13. August 2026) schreibt die Bundesregierung, der zunehmende Einsatz von KI führe in Deutschland „bislang nicht zu einem systematischen Beschäftigungsabbau“. Sie weist dabei zwei Studien zurück, die wir selbst erfasst haben – die Schweizer JobCloud-Erhebung und Stanfords „Canaries in the Coal Mine?“.

Der Vorgang: Die Abgeordneten Gerrit Huy, Carsten Becker, Achim Köhler und weitere sowie die Fraktion der AfD hatten unter dem Titel „Auswirkungen Künstlicher Intelligenz auf den Arbeitsmarkteinstieg“ gefragt (Drucksache 21/7421). Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales vom 13. August 2026 übermittelt und liegt als Drucksache 21/7620 vor. Kernsatz der Vorbemerkung: „Nach aktuellem Kenntnisstand der Bundesregierung führt der zunehmende Einsatz von KI in Deutschland bislang nicht zu einem systematischen Beschäftigungsabbau.“ Und weiter: „KI ersetzt in aller Regel nicht ganze Berufe, sondern verändert und verschiebt Aufgaben innerhalb von Berufen.“

Zur Datenlage verweist die Antwort auf die Bundesagentur für Arbeit: Die Abgangsrate von Arbeitslosen unter 25 Jahren in Beschäftigung sei seit 2019 gesunken – „Dieser Rückgang erfolgte aber parallel zur Entwicklung der Abgangsrate aller Arbeitslosen. Es gibt keine Belege dafür, dass dieser Rückgang kausal mit der Nutzung von KI verbunden ist.“ Eine Aufschlüsselung nach Wirtschaftszweigen lasse „keine Rückschlüsse“ zu, entsprechende Beobachtungen lägen der Bundesregierung nicht vor.

Zwei Studien weist die Antwort ausdrücklich zurück. Die Erhebung der Schweizer JobCloud AG, nach der die Zahl ausgeschriebener Einstiegsstellen seit Ende 2022 um 32 Prozent zurückging, sei „aus mehreren Gründen nicht belastbar, u. a., weil der berichtete Rückgang bereits im Jahr 2022 und damit vor der breiten Verfügbarkeit generativer KI ab 2023 einsetzte“; eine Bewertung sei „aufgrund mangelnder Informationen zur Methodik nicht möglich“. Und zur US-Arbeit: Die Autoren „räumen in einem Update ein, dass sich der Effekt erst ab 2024 belastbar zeigt und daher eher mit der veränderten Zinspolitik im Zusammenhang steht“.

⚠️ Genau hier steht Aussage gegen Aussage. Unsere Erfassung vom 19. August 2026 stützt sich auf die überarbeitete Fassung von „Canaries in the Coal Mine?“ (Brynjolfsson, Chandar, Chen, Stanford Digital Economy Lab, August 2026) – dort halten die Autoren fest, die Divergenz bestehe fort, wenn man für Zinsanstiege kontrolliert, und habe sich bis Mitte 2026 weiter geöffnet, lange nach dem Zinsgipfel. Die Antwort der Bundesregierung datiert vom 13. August und damit vor dem Stand, den wir gelesen haben; welches „Update“ gemeint ist, benennt sie nicht. Der Widerspruch ist damit dokumentiert, nicht aufgelöst – festgehalten als SF-17 in unserem Konfliktlog.

Zur ifo-Erhebung vom 12. Juni 2026, die die Fragesteller anführen, ordnet die Bundesregierung methodisch ein: Es handle sich um „eine Einschätzung der befragten Unternehmen, die bereits KI nutzen, zu hypothetischen Substitutionsmöglichkeiten, nicht um eine empirische Messung eines tatsächlichen Ersetzens“. Knapp ein Fünftel dieser Unternehmen halte es für leicht oder sehr leicht, Hochschulabsolventinnen und -absolventen teilweise durch KI-gestützte, geringer qualifizierte Beschäftigte zu ersetzen – „rund vier Fünftel sieht eine solche Substitution dagegen nicht als leicht umsetzbar an“. Eine eigene kausale Evidenz zum Lohndruck liege der Bundesregierung „derzeit nicht vor“.

Was die Antwort an eigenem Material beibringt: das seit 2020 im BMAS angesiedelte „Observatorium KI in Arbeit und Gesellschaft“; das seit 2021 geförderte Forschungsprojekt „ai:conomics“ mit einer Synthese der Mikroevidenz (Fregin et al. 2026), derzufolge KI Produktivität und Qualität spürbar steigern kann und besonders weniger erfahrene Beschäftigte profitieren; eine BARMER-Erhebung von 2026, nach der 6 Prozent der Jugendlichen ihre beruflichen Pläne durch KI für „sehr gefährdet“ und 19 Prozent für „eher gefährdet“ halten, 43 Prozent dagegen für „eher nicht“ und 24 Prozent für „überhaupt nicht“ gefährdet; sowie den Meinungsmonitor Künstliche Intelligenz der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (Lünich et al. 2026, Factsheet Nr. 16). Als Vorsorge nennt sie die Fortsetzung der Nationalen Weiterbildungsstrategie: „Bis 2030 soll die Weiterbildungsbeteiligung um 11 Prozentpunkte auf 65 Prozent steigen.“